Reflexion 2019: Ehrenamtliches

Der ehrenamtliche Einsatz in der Schweiz ist enorm. Die Carearbeit, die Aktivitäten in Sport, in Quartieren und Gemeinden wie auch in der Berufsbildung und Politik wären ohne sie undenkbar. Ohne Freiwilligenarbeit wäre das hier ein anderes Land und keines mit direkter Domokratie. Entsprechend sehe ich mich als Rädchen im Getriebe.
Dieses Jahr investierte ich meine Freizeit hauptsächlich in die Republik, die sich gut entwickelt und entgegen Berfürchtungen gerade ihren zweiten Geburtstag erlebt. Die Republik ist zur Hälfte ein Produkt der Genossenschaft Project R, die ihrerseits einen Genossenschaftsrat hat, zu dessen Präsidentin ich vor rund einem Jahr gewählt worden bin. Ich konnte das, was ich bei meiner Bewerbung und in meinem Online-Wahlkampf ums Präsidium darlegte, 2019 umsetzten. Der Genossenschaftsrat ist für mich ein besonderer Glücksfall, seine 27 Mitglieder kommunizieren so überlegt, sorgfältig und zielgerichtet, wie ich es von vergleichbaren Gremien nicht kannte. Ich lerne von jeder Gruppe und in jedem Team sehr viel – und doch merke ich, dass ein Austausch, wie ich ihn hier erlebe, Missverstänisse früher ans Licht bringt und Rückschläge erträglicher macht. Die Mühe, den Genossenschaftsrat so divers wie irgend möglich zusammenzusetzen, hat sich gelohnt.
Konkret haben wir fünf Arbeitsgruppen im Einsatz: Zukunftsprojekte, Kritik-Forum, Kommunikaiton, Marketing sowie Finance und Legal, Interessierte finden die Details in Berichten aus unseren Sitzungen. Als Aufgabe des ersten Präsidialjahres nahm ich mir die Dokumentation unserer Arbeit, die Online-Kommunikation innerhalb des Rates und den effizeinten Umgang mit To-do-Listen vor. Die Koordinationstools, die wir wählten, funktionieren nach einer Einführung mit genügend Zeit und Support für alle, das war 2019 das Wichtigste. Mich animierte dieses Amt zu vielem wie beispielsweise, mich in die Materie konsolidierte Jahresrechnung und Pflichten einer Revisionsstelle einzuarbteiten. Oder zur Lektüre von Artikeln, deren Themen mir fremd waren, die mich dann wiederum inspirierten, weitere Bücher zu lesen oder an Diskussionen teilzunehmen.
Danke denen, die sich sich für die Erneuerung, ein Monataabonnement oder für eine Mitgliedschaft entschlossen haben! Ein leserfinanziertes Medium ist und bleibt eine Waghalsigkeit. Und danke all jenen, die sich bei mir persönlich mit Feedbacks gemeldet und sich an den Debatten beteiligt haben. Mir ist neben der Republik kein Medium bekannt, das Onlinediskussionen auslöst und beheimatet, deren Qulaität (Inhalt wie Tonalität) derart haltbar ist. Dazu beizutragen und davon Teil zu sein macht mich stolz.
Und nun ein frohes neues Jahr! Mit einem Hoch auf alle Arbeit, die mit anderem als Geld vergolten wird. Vielleicht gar mit einer besseren Welt?

Genossenschaftsrat September 2019

Gruppenbild vor der Genossenschaftsratssitzung im September 2019

Reflexion 2019: Privates

Eine feinsäuberliche Trennung zwischen privat, beruflich und ehrenamtlich ist in meinem Leben nicht möglich, auch wenn ich natürlich zwischen persönlich und professionell unterscheide.
Mich hat dieses Jahr viel Berufliches auch privat beschäftigt, auch das aus anderer Leute Berufe. Besonders meine Schwester und mein Sohn waren unerwartet oft mit Extremsituationen konfrontiert, haben dabei Enormes geleistet und viel Resilienz bewiesen. Meine Schwester steht als Heilpädagogin und Care Giverin in Notfallsituationen unter Schweigepflicht, genau wie mein in der Psychiatrie tätiger Sohn. Deshalb kenne ich weder Details noch könnte ich mich äussern. Ihre Arbeit führte mir 2019 viele gesellschaftliche Zusammenhänge vor Augen und half mir, auch in meiner die richtigen Fragen zu stellen und Entscheidungen zu treffen.
Dieses Jahr belasteten mich Krankheiten, Schicksalsschläge und Todesfälle. Teilweise doppelt, weil Privates und Berufliches sich überschnitt. Das forderte Demut und Disziplin und ganz profan: Stellvertretungen. Ich empfinde mich als dankbaren Menschen, ich sehe das Gute, das Schöne und stets die Erleichterungen, die das Leben in diesem wohlhabenden, demokratischen Land mir bringt. Und doch erschien mir 2019 gar vieles ungerecht, grundlos und steinig.
Ein wunderbares Fest zum 50. Geburtstag vom Mann und mir im September hat gute Erinnerungen in Hülle und Fülle hinterlassen. Dass im Freundeskreis einige von einem Highlight 2019 sprechen, geht uns schon ans Herz. Ich sprach dort erstmals vor über hundert Leuten, die mir alle nahe stehen. Ein ganz neues Gefühl, so ohne tausend Anspruchsgruppengedanken frei von der Leber weg zu palavern. Die gemeinsame Organisation (die wir ja mangels Hochzeits- und Tauffest zum ersten Mal machten) hat uns als Ehepaar gelehrt, was uns wichtig ist. Uns wurde bewusst, wie viele Weggefährten stets an unserer Seite waren, wie viele Freundinnen uns so lange begleiten. Und wen wir verloren haben. Und wie wir zu unseren Familien stehen und sie zu uns. Dieser Anlass in wunderbarem Ambiente mit zugeneigten Gästen und hinreissenden musikalischen Einlagen machte mein Glück sichtbar: Unverbrüchliche Familienbande, gerade auch in der nächsten Generation. Langfristige Freundschaften, so stärkend wie unterschiedlich.
Es bereicherten unzählige kleine Ereignisse mein Jahr – zum Beispiel dieses: Zu Weihnachten rief mich ein junger Mann an, der mich als Vierjähriger im Sandkasten vor dem Hochhaus zur Freundin auserkoren hatte und mir fortan wann immer möglich folgte. So war er als Kind oft bei uns, und später besuchten wir ihn regelmässig im Schulheim auf dem Land. Trotz aller Krisen gelang es irgendwie, den Kontakt zu behalten, manchmal durch Zufall oder weil ich ihn über Social Media wiederfand. Meist blieben meine Nachrichten ohne Antwort; manchmal wusste ich auch nicht, ob sie überhaupt die richtige Person erreicht hatten. Nun war ich so froh zu hören, dass er jetzt, zu seinem 25. Geburtstag, nach einem schrecklich schweren Leben einen Weg gefunden hat und zuversichtlich ist. Im Januar sollten wir uns sehen, es wäre mir eine Reisenfreude.
Über Berufliches und Ehrenamtliches möchte ich im alten Jahr und an dieser Stelle auch noch nachdenken.

Weihnachtsaussicht 2019

Dezember-Lieblingsbild: Analyse des Himmels am Weihnachtsabend.

Mein erstes Mal im Engadin

Die Schweiz hat viele Einwohnerinnen und Einwohner, die sie nicht besonders gut kennen. Ich gehöre auch dazu. So begab es sich, dass ich dieser Tage erstmals das Engadin besuchte. Natürlich hatte ich schon mehr als den Wikipediaeintrag darüber gelesen. Viele Menschen aus der Gegend sind mir bekannt, weil sie unsere Landessprachen, unsere Literatur und Politik stark geprägt haben. Und die Erzählungen aus meinem begeisterten Freundeskreis sind immer inspirierend! So ist aus dem Ausflug eine bezaubernde Begegnung geworden.

Wanderweg über Scuol

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Zum Schuljahresende

Die Diplomfeiern sind vorbei und es war wieder wunderschön. So viele Prüfungen waren absolviert und bestanden worden, hunderte von Jugendlichen ziehen nun mit ihren Diplomen weiter. Die Feiern meiner Abteilungen gingen mir natürlich besonders nah. Beim Fest mit den Buchmenschen eröffnete eine Absolventin mit Gesang und Gianna Molinari las aus „Hier ist noch alles möglich“ wie auch Fragmente, aus welchen vielleicht dereinst Bücher werden. Bei den Fachleuten Kundendialog gab es ebenso lebendige Auftritte – mehrsprachig und anrührend. Gar nicht so einfach, sie alle gehen zu lassen!
Es gab schwierige Momente für mich in den letzten Wochen und in meinen verschiedenen Rollen, aber davon ein anderes Mal, ich brauche etwas Distanz. Zuerst mache ich Ferien, der Mann und ich nehmen zwei grosse Taschen Lektüre mit. Darunter zeitgenössische Literatur, Sachbücher und Fachzeitschriften von Aviatik über Feminismus bis Populismus und Theologie und zwei Bände aus Eigenverlagen, die Buchhandels-Azubis selber geschrieben haben. Da freue ich mich drauf.
Ich wünsche allen warme Tage und den Kranken Genesung, besonders das.

Buchauswahl zum Abschied

Frauenstreik 2019: Tagebuch 14.06.

Morgens um 7 in Neuenegg
Mein Streiktag begann 06.50 in Neuenegg. Die Initiantin dieser Aktion war von der Gemeinde aufgefordert worden, das selbstgemachte Streikplakat von ihrem eigenen Balkon zu entfernen. Dies mit der Begründung einer fehlenden Baubewilligung und weil es die Verkehrssicherheit tangiere. Mein Start auf dem Dorfe verschaffte mir die Gelegenheit, mehrmals die Frage nach dem „warum gerade da?“ zu beantworten und diese typische Geschichte zu erzählen, die sich immer und überall in der ländlichen Schweiz so zutragen könnte, wenn eine Frau eine nicht opportune Meinung kundtut. Dank Internet können wir fadenscheinige Argumente heute parieren, kommunizieren schneller und lassen uns weniger auseinanderdividieren – ich empfinde das als grossen Fortschritt. (Bild: Franz Schweizer, Kultur Neuenegg.)
Um 11.00 Uhr traf ich dann die wichtigsten Frauen in meinem Leben am Bärenplatz in Bern: Meine Mutter und meine Schwester. „Frauenstreik 2019: Tagebuch 14.06.“ weiterlesen

Frauenstreik 2019: Statusmeldung

Emotionen: Ich bin überwältigt und desillusioniert zugleich. Das vorherrschende Gefühl ist Dankbarkeit all den Frauen von Genf bis zum Bodensee, von Basel bis Bellinzona, die das überhaupt möglich gemacht haben. Organisieren, überzeugen, schreiben, verfassen, verhandeln, planen, fundraisen, beauftragen, nachfragen, beantworten, beschwichtigen, wiedererwägen, motivieren – nicht für eine Woche, sondern über Monate hinweg, Tag und Nacht. Mobilisierung braucht enorm viel Kraft und es bleibt bis zum Ereignis ungewiss, ob diese Energie je wieder zurückkommt. Eine halbe Million Menschen waren am vergangenen Freitag auf der Strasse für mehr Lohn, Zeit und Respekt für Frauen.
Drei Tage später bin ich ermattet von den blöden Sprüchen zum Streik, den ständigen Witzen auf Kosten der Frauen, den vielen Männern, die diese zwar doof finden, aber schweigen. Was Coline de Senarclens „ridiculiser les organisatrices et les femmes en général“ nennt und rhetorisch beeindruckend erklärt, dass wir uns davon nicht beirren lassen, geht mir an die Nieren. Dennoch werde ich die Forderungen wiederholen, mithelfen, sie politisch und rechtlich zu erstreiten, die Kinder und Jugendlichen dazu anhalten, das Gleiche zu tun. Chancengleichheit in einem wohlhabenden, friedfertigen Land, in dem alle Menschen sich auf Augenhöhe und ohne Überheblichkeit und Vorverurtreilungen begegnen, das wäre meine Vision. Und ich wünschte mir letzte Tage hienieden, wo mir ein Jugendlicher mit violett lackierten Fingernägeln mal glucksend, mal weinend aus einem gedruckten Buch vorliest und eine Palliativmedizierin an meinem Bett ihr Baby stillt, während sie mich geduldig über die Stationen meines Ablebens informiert.
(Streiktagebuch folgt.)

Zum internationalen Frauentag 2019

Mein Tagebuchschreiben begann gleichzeitig mit dem Schreiben, das war noch vor der Schule. Ich mochte Jahrestage und verglich die Ereignisse mit buchhalterischer Akribie. Auch die UNO-Tage und -Jahre scheinen mich schon früh beeindruckt zu haben, jedenfalls notierte ich am 31.12.1979 eine Schlechtbehandlung durch meine Mutter “am letzten Tag des Jahrs des Kindes”. Dabei liess ich unerwähnt – wohl weil es mir damals gar nicht bewusst war – dass meine Mutter nur wenige Tage vorher meine Schwester geboren hatte und schon wieder den Haushalt schmiss, in einer zu klein gewordenen Dreizimmerwohnung mit ebensolchem Budget, dafür mit offener Tür fürs halbe Quartier.
Die Notiz kam mir bei der Suche nach Zeichen der frühen Kindheit in die Hände, über die ich mich neulich mit meiner gleichaltrigen Cousine länger unterhalten hatte. Ich las diese Nacht Breife und Tagebücher und suchte nach Fotos unserer ersten Jahre, von denen es gar nicht so viele gibt (das war eine Geldfrage damals). Wir hatten gesellschaftlich schlechte Prognosen bei unserem Start ins Leben um die Jahreswende 1969/70. Nicht einmal geheiratet waren unsere Mütter worden! Ein Vater bereits bei der nächsten, der andere auf dem Absprung nach Indien. Als Kinder wurden wir schräg angeschaut, weil wir den Namen unserer Mütter trugen, der eigentlich der Name unseres Grossvaters war, seinerseits ebenfalls ein Unehelicher. Köpfe wurden geschüttelt und Nasen gerümpft auf dem Dorfe. Und unsere Mütter? Sie arbeiteten. Am Tag für Geld, am Abend für den Haushalt und in der Nacht nähten, strickten und häkelten sie unsere Kleider, passende Ringelsocken inklusive. (Und in diesen Kleidern sehe ich auch heute noch das Rebellische meiner Mutter, sie machte es immer gern eine Tick anders, ein Muster mehr, ein Janis-Joplin-Schnitt beim Röckli, ein paar Bubenschuhe zu den Manchesterhosen.) Ob hippig oder heimeling, unsere Mütter überliessen ausser unserer Entstehung nichts dem Zufall. Sie förderten uns nach Kräften und schickten uns sogar je in eine Privatschule. Ich war von der ersten bis zur letzten Klasse in der Rudolf-Steiner-Schule, und meine Mutter spann und strickte sich für deren Basare die Finger wund. Natürlich färbte sie auch hunderte von Ostereiern für den Marktstand der Schule und nähte aus kostengünstigen Stoffresten die Kostüme für unsere Theateraufführungen. Sie arbeitete als Erzieherin und Bibliothekarin und sie las Berge von Büchern. Als sie die Volksbibliothek durchhatte, fuhr sie in der Unibibliothek fort. In den Neunzigern erschloss sie sich den Computer, in neuen Jahrtausend begann sie mit Bloggen, was sie bis heute tut. Meine Cousine und ich unterhalten uns oft darüber, wie viel wir unseren Müttern verdanken und schulden. Sie verlangen jedoch weder Dankbarkeit noch geben sie uns das Gefühl, in ihrer Schuld zu stehen. Sie wollen einfach, dass wir frei sind und für uns selber und die kommenden Generationen weiterkämpfen um den gerechten Anteil an Macht, Geld, Welt. Machen wir. Versprochen!
Cornelia und Tanja 1973 mit Grossvater Tanja und Cornelia 2019

Zum Jahreswechsel

Da der allgemeingültige und mein persönlicher Jahreswechsel recht nah beieinanderliegen, kann ich ja gleich über beides nachdenken. Ich schwanke bei der Gelegenheit immer zwischen kategorischem Imperativ und emmentalerischer Dankbarkeit, wieder ein Jahr älter, noch immer gesund und doch bereit für das jüngste Gericht zu sein. Zudem habe ich jedes Mal, wenn eine neue Dekade im Anzug ist, das Bedürfnis, einen grösseren Schritt zu tun. Mit dreissig wollte ich unbedingt und erstmals im Leben ein Zimmer für mich allein (brauch ich nicht mehr), mit vierzig trat ich von allen Ehrenämtern zurück (netter Versuch) und auf mein Fünfzigstes hin kehre ich wohl wieder zurück zu den Wurzeln. Ich war immer eine Feministin. Weniger vorne auf der Demo, sondern eher die in der Delegation, die in den Achtzigern mit Architekten darüber stritt, warum beim Bau von Unterführung (Beleuchtung?) oder Parkplatz (Übersichtlichkeit?) oder der öffentlichen Toilette (wieder nur Pissoirs?), die Bedürfnisse der halben Bevölkerung ignoriert werden? Das immerhin ist erreicht, aber die Lohngleichheit, die Diversity in Firmen, Nein heisst Nein, die Verteilung der unbezahlten Arbeit und des Geldes – noch lang nicht erledigt.
Und weil ich damit rechne, dass die Nachkommen ein, zwei Generationen mit Populismus als relevante Kraft konfrontiert sein werden, investiere ich weiter in die politische Gegenbewegung. In die Sozialdemokratie und den Liberalismus als Begriff der Freiheit. Und damit meine ich nicht den blöden Spruch vom Glückes Schmied. Sondern die Unterstützung eines Selbstverständnisses, gerade von jungen Menschen aus aller Welt, das stabil aber nicht starr ist – das sich von Herkunft unabhängig zu machen vermag. Und die Förderung eines Zusammenlebens, wo sich die Freiheiten des einen und der anderen vielleicht harmonisch begegnen, aber ihre Grenzen ohne Unterdrückung oder gar Krieg aneinanderstossen. Ich weiss, wie schwierig das ist, denn mein Alltag fand noch nie in einer Blase statt, an manchen Tagen lasse ich so viele Federn, dass mich abends friert.
Seit ich denken kann, treibt mich das freie Wort um, die freie Presse – im Wissen um den hohen Preis, den so viele dafür zahlten und noch zahlen werden. Es wäre vermessen, zu glauben, ich könnte verhindern, dass Menschen (die niemand gewählt hat) durch Firmen ihre Macht über andere ausbauen, indem sie die Information okkupieren. Was ich aber tun kann, ist darauf hinzuweisen. Und mitzuhelfen, die freie Information zu fördern. Vielleicht sind das dereinst nur noch Bücher und Zeitschriften, die in Wohnstuben verlegt und in Hinterzimmern gedruckt werden. Es wäre ja nicht das erste Mal.
Frohe, lesereiche Adventszeit allerseits!

Diary: Monday to Sunday

Ich schreib seit jeher irgend eine Form von Tagebuch, manches nur für mich, manches für mich und die Welt, manches nur für die Welt. Heute – als Rückblick – wieder einmal hier:
23.04.2018: Ich beginne die 4. von 5 Sequenzen meines CAS zur Schulleiterin. Es geht um Theorie und Praxis im Qualitätsmanagement. Diese Weiterbildung ist etwas in Vergessenheit geraten, aber die bis jetzt nötigen Leistungsnachweise habe ich erbracht und die Zugangsdaten zur Onlineplattform sind am richtigen Ort gespeichert, immerhin. Abends gehe ich noch ins Büro für allerletzte Korrektürchen und gebe das GzD für den „Pegasus“, der am nächsten Tag erscheinen soll.
24.04.2018: Morgens früh um sechs mache ich mir ein Picknick im Tupperware und gesund, aber ich vergesse es. Ich stehe also an der Fachhochschule für Essen an, das weniger gesund und in Plastik verpackt ist, während das Selbstgemachte in der immer wärmer werdenden heimischen Küche den Weg alles Irdischen geht. Meine Konzentration auf QM? Leidlich. Mühsame Heimfahrt mit Verspätung, Mann kommt aus Japan zurück. Ich träume schlecht, stehe lieber auf und beantworte sämtliche E-Mails (die ich erst am Morgen losschicke, denn Leute, die mitten in der Nacht mailen, sind verdächtig, schlecht organisiert, ungeliebt oder ausgebrannt).
25.04.2018: Trotz kurzer Nacht stehe ich gutgelaunt eine Minute nach Öffnung in meiner Lieblings-Bäckerei (unscheinbar, no website, von Frauen erfunden und geführt), um Kuchen auszuwählen für eine Birthday-Party in unserem Kurs. Um 7.00 Uhr auf dem Zug, wo ich mir von einem für mich brasilianisch aussehenden Asiaten die Schweiz erklären lasse. Es wird ein gelungener Tag und ein entspannter Abend: Uns Eltern erreicht die Nachricht, dass der Sohn seinen Bachelor (richtig gut) bestanden hat.
26.04.2018: Zurück in der Schule, wo Berge sich erheben und Sitzungen von einer Themenvielfalt mich erwarten, ob der mir leicht schwindlig wird. Das was gestern hätte fertig werden sollen mit dem, was heute zu tun ist und dringend für in einem Jahr budgetiert werden muss und sich aufgrund der Reform XY 2022 komplett ändern wird. Aber ich komme in den Flow und freue mich auf die Familienfeier zum Geburtstag des Sohnes, der nun schon 23 Jahre alt ist.
27.04.2018: Ich verschlafe die Hatha-Yoga-Lektion und lese statt dessen Erinnerungen an Israel, ein Land, das mir nah ist. Danach gehe ich zu meinem Termin auf die Polizeiwache, um eine Anzeige zurückzuziehen, denn die Chance, dass ich den Betrug nachweisen kann, ist einfach zu klein. Der Polizist führt mich freundlich an Fahnen, Halstüchern und Transparenten von Berner Sportvereinen vorbei ins Untergeschoss in einen heissen Raum ohne Lüftung. Er hat vor unserem Treffen extra Deo angesprayt, was mich beinahe zu Tränen rührt. Zurück im Büro muss ich eine Lernende aus der Klasse holen, um etwas zu (er)klären, worüber ich täglich bloggen könnte, ein Leben lang und immer noch nicht fertig werden würde. So ist es einfach mit den verschiedenen Werten. Ansonsten ein guter Tag, der beim gemütlichen Znacht mit Sohn und Freundin im Biergarten endet – wie auch die Wirkung des Heuschnupfenmedikamentes.
28.04.2018: Morgens holen wir die Mischpakete für uns selber und Freunde beim Bauern ab, er erläutert seine weiteren Pläne, die wahrlich innovativ und erhellend sind, wenn ich bloss nicht so müde wäre. Danach Computerkauf mit dem vollumfänglich erwachsenen Kind zu Geburtstag und Studienabschluss. Dann das Bisschen Haushalt, das sich schon eine ganze Weile staut; dazu Teile des Mischpakets auf dem Grill und YB-Match auf dem Handy.
30.04.2018: Mit dem Velo und dem hurtig gebackenen Hefekranz zu Mutter und Schwester in den wilden Westen. Während der Mann deren Steuererklärungen ausfüllt, lassen meine dreijährige Nichte und ich uns treiben. Sie trägt ihre Uhr heute ums Fussgelenk und wir setzen uns jedes Mal hin, um die Zeit zu lesen. Eis essen geht auch besser so.
Spaziergang mit Nichte am Steuererklärungssonntag

Zum internationalen Frauentag

In meiner Erinnerung war ich ein merkwürdiges Mädchen. Aber das ist lange her und ich weiss nicht, was mich zu der Frau gemacht hat, die mit 15 Jahren de Beauvoir gelesen und seither nie aufgehört hat, sich Frauenfragen zu stellen. Heute liegt meine Hoffnung bei den Stimmen der Mädchen, die enorme Kraft entfalten und sogar gehört werden. Von Malala Yousafzai bis Emma González: In den letzten Jahren vermochten viele junge Frauen, Menschen zu bewegen.
Wie meine Nichte. Hier ihre Geschichte, soweit ich davon Kenntnis habe. Die Familie ihres Vaters verlor im Februar eine Onkel und treuen Freund, den die Seinen liebten und der als weiser Dorfälterer weit herum geachtet war. Hunderte von Menschen strömten zu seinem Haus im kleinen Ort Pobergj, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Die Klageweiber sangen für jeden einzelnen neben dem Leichnam, sie erzählten in ihrem Lied von der Verbindung der Besucher zum Verstorbenen. Vor dem kargen Friedhof, auf dem das Grab ausgehoben wurde, bildeten sich lange Schlagen von Männern, denn ihnen ist die Beerdingung vorbehalten.

Kondolieren

Frauen beerdigen nicht, weder ihre Ehemänner, noch ihre Kinder. Sie verabschieden die geliebte Person daheim und danach beginnt für sie wieder die Arbeit und das Warten: Auf die Rückkehr der Männer, auf die nächste Schwangerschaft, auf den eigenen Tod. Die meisten Frauen akzeptieren das. Doch es gibt auch solche, die sich fragen, wann es ändert und ob sie das noch erleben werden? Ja. Sie haben es erlebt. Meine Nichte packte eine einmalige Gelegenheit, welche, ist ihr Geheimnis. Unbestritten ist: Zusammen mit ihrem Bruder und den Cousins führte sie als erstes Mädchen, als erste Frau, in der Geschichte des Dorfes einen Trauerzug an und nahm an der Beerdigung ihres Grossonkels teil.

Letztes Geleit

Als Trägerin des Portraits des Toten war sie die einzige ausser dem Imam, die während der Gebete am Grab aufrecht bleiben durfte. Da steht also ein Mädchen mit Pussyhat neben dem Vorbeter, weiteherum sichtbar, vor lauter knienden Männern. Ein unvergesslicher Moment. Wir verwandten Frauen – ob im Kosovo oder in der Schweiz – können gar nicht aufhören, ihn uns beschreiben zu lassen; wir weinen vor Glück und hoffen, das sei erst der Anfang.

Im Februar 2018 auf dem Friedhof in Pobergj