Alltagsnotiz

Dass Wetter ist seit Tagen so grau, dass ich mich beim Bügeln über jedes bunte Küchentuch freue. Dabei höre ich „Put A Little Love In Your Heart“ in der Enlosschleife und versuche den Hass, besonders den Antisemitismus, der Teile meiner Bubbles ergriffen hat, wenigstens für kurze Zeit zu vergessen.

In einem Interview zu meinen ersten 100 Tagen als installierte Geschäftsführerin wurde ich gefragt, was sich in meinem Leben verändert habe? Und meine spontane und natürlich unpublizierbare Antwort war, dass es ein recht klösterliches gewoden sei. Ich stehe um 06.00 auf und gehe um 00.00 Uhr ins Bett, sam- und sonntags beginnt mein Tag um 07.00.

Morgens suche ich den Fokus, abends die Reflexion. Morgens News und abends ein Buch.

Im öffentlichen Verkehr arbeite ich, in der Geschäftsstelle kommuniziere ich, und wann immer sich Gelegenheit bietet, lese und höre ich, was andere über eigene und fremde Bücher denken. Oft lerne und erfahre ich dabei Neues, machmal raufe ich mir auch die Haare. Als Luxus empfinde ich ein Gespräch, auf das nicht unmittelbar das nächste folgt. Und eine Mahlzeit, der ich ungeteilte Aufmerksamkeit schenken kann.

Täglich in irgend einer Art in der Öffentlichkeit zu stehen, erfordert Kraft. Der Verband, den ich führe, ist nicht besonders gross, aber er ist reich an Tradition und Einträgen in Archiven und hat einen hohen Organisationsgrad. Entsprechend vielfältig sind die Themen, zu denen ich Auskunft gebe: Literatur, Verlagsschaffen, Buchmessen, Umsatz, Absatz, Digitalität, Schweiz und Europa, Konsumstimmung, Angestellungsbedingungen, Verödung der Innenstädte, nachhaltige Produktion, Leseförderung, Urheberrecht. Und natürlich häufig zu allem mit Konfliktpotenzial: Juryentscheidungen, Cancel Culture, Coronamassnahmen, Amazon, Konzentrationsprozesse, Übernahmen, Fördergelder. Mein Umfeld ist offen, Rückmeldungen kommen unmittelbar und ungeschönt. Und die Menschen melden sich auch dann, wenn sie etwas gut finden. Das Erstaunlichste, was mir bis hierhin passiert ist, sind Mitglieder, die finanzielle Unterstützung bekommen haben und diese zurückgeben wollten. Entweder, weil ihr Jahresabschluss besser war als erwartet oder weil sie von anderen wussten, die die Hilfe nötiger hätten. In solchen Momenten weiss ich ganz genau, weshalb ich bin, wo ich bin.

Nun begebe ich mich zurück zu meiner Lektüre und wünsche allen eine friedliche Nacht.