(M)ein Editorial

Heute erscheint die neue Nummer unseres Branchenorgans: „Schweizer Buchhandel“. Ich habe mein Editorial den Buchmenschen gewidmet, die einfach tolle Arbeit leisten.
Einfach danke.
Ich werde den Teufel tun und Sie, liebe Leserinnen und Leser, zum Durchhalten auffordern. Krise als Chance, zusammen geht’s, die Kultur hat ihren festen Platz beim interessierten Publikum und ohnehin ist alles eine Frage der persönlichen Einstellung – solche Aussagen erspare ich Ihnen heute. Stattdessen will ich Ihnen einfach danken.
Sie haben online angepriesen und offline verkauft, Schutzkonzepte ausgearbeitet, verworfen und neu aufgesetzt, aus traurigen Absagen muntere Ersatzveranstaltungen gemacht. Buchhändlerinnen haben Auftritte von Autoren ermöglicht, und sei es als Abstandveranstaltung im eigenen Garten. Zwischenbuchhändler haben sich in kleinen Teams organisiert und jeden Prozess darauf ausgerichtet, trotz strenger Regeln ununterbrochen zu liefern. Verlegerinnen haben ihre Neuerscheinungen nicht nur unbeirrt publiziert, sondern sie zusätzlich in elektronischen Formaten präsentiert.
Ihr unvergleichlicher Einsatz verhilft dem Buch zu grosser Präsenz. Es entfaltet in der Coronazeit eine neue Wirkung. In seiner Schlichtheit eignet sich das Buch als Gesprächsinhalt bei jeglicher Begegnung, es gibt kaum einen besseren Indikator für den Zustand der Gesellschaft. Bücher schaffen ein vertieftes Verständnis der Welt – und dort, wo sie fehlen, fehlt es an Freiheit und Würde.
Wenn Sie nicht mehr wissen, wie Sie die nächste Anweisung umsetzen und woher Sie das nächste Lächeln nehmen sollen, denken Sie daran, wie Sie zu den Büchern gekommen und warum Sie bei ihnen geblieben sind.

Allgegenwärtiger Erklärungsbedarf

Mein Leben hat sich in kürzester Zeit so sehr verändert, wie ich es mir unter guten Bedingungen nie hätte vorstellen können. Ich dachte stets, dass so grosse Verschiebungen nur unter traurigen Umständen passieren, einfach, weil sie halt müssen. Der allgegenwärtige Klärungsbedarf kommt mir entgegen. Seit ich denken kann, bereiten mir viele Verhaltensweisen, die vorausgesetzt werden, einiges an Kopfzerbrechen. Das macht mich zwar flexibel, dafür muss ich immer darauf achten, mir dasjenige, was nicht auf der Hand liegt, auch wirklich rechtzeitig bei den richtigen Leuten abzugucken. (Sicher habe ich schon erzählt, dass ich bei meinem ersten Restaurantbesuch, ungefähr sieben Jahre alt, das Geschirr in die Küche brachte?).
Das war eigentlich nur eine kleine Einführung zu der Frage, die mir in den letzten drei Wochen von vielen lieben Menschen immer wieder gestellt worden ist: «Hast du gut angefangen? Bist du eingelebt („i-gläbt“)? Gefällt es dir?». Ja! Ich habe immer zu tun und weiss nie, was noch kommt. Es scheint jedoch ziemlich sicher: Ich passe in diese Branche und sie passt zu mir. Die tägliche Ration Überforderung ist happig, aber die Erwartungen sind unter diesen interimistischen Umständen weniger fix. Vieles wird verhandelt und ich kam überraschend schnell zu Wort – ständig werden Karten neu gemischt. Die Spruchreife, die Perfektion – das ist weniger wichtig. Trotzdem wird so vieles Realität, was ich vor Corona weder Organisationen noch Verbänden und schon gar nicht mir selber zugetraut hätte.

Abschluss und Anschluss

Ich arbeite zum ersten Mal im Leben an einem Mac und es ist peinlich zuzugeben, wie sehr mich die Umstellung nervt. Immerhin ist mir jetzo ein Blogbeitrag mit einem Link (wenn auch ohne Bild) gelungen.
Letzte Woche ist ein Interview zu meinem Abschied von der Berufsfachschule „Schweizer Buchhandel“ erschienen. Also in dem Medium, für das ich bald verantwortlich zeichne. Doch vorher, am 3. August 2020, beginne ich meine Arbeit als Geschäftsleiterin ad interim des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbandes, was ich beim Gespräch ebenso wenig ahnte, wie meine umsichtige Interviewerin Pascale Blatter.
Es muss vor ungefähr zehn Jahren beim Aufbau des neuen Berufes der Fachleute Kundendialog gewesen sein (Mann im Ausland, Sohn in Pubertät), als mir bewusst wurde, dass meine merkwürdige Laufbahn vielleicht kein Zufall und meine Einsetzbarkeit verbunden mit Einsatzbereitschaft wohl (m)ein Vorteil auf dem Arbeitsmarkt war. Also behielt ich den Fokus auf der Autodidaktik, las mir Wissen ohne jegliche Kriterien an, lernte vieles und verlernte vermutlich noch mehr. Ich erreichte damit bis heute kaum Validierbares aber dafür Überraschendes und schätze mich glücklich.

Zwischenzeit

Eine der intensivsten Phasen meiner Laufbahn ist zu Ende, jetzt habe ich Ferien. Meiner nächsten Herausforderung als Geschäftsleiterin ad interim des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbandes sehe ich mit Freude und Respekt entgegen. Es ist eine Aufgabe, bei der ich Kompetenzen brauchen werde, die ich in meinen ersten zwanzig Berufsjahren erworben habe. Und ich werde vieles von dem einsetzen können, was ich in meiner ehrenamtliche Arbeit lerne. Es fühlt sich richtig an, ich bin seit ich denken kann für alles motiviert, was mit Büchern zusammenhängt. Wenn ich eine Weile ruhen, lesen und mich draussen bewegen kann, starte ich im August frisch und munter.
Danke fürs Mitlesen und all das Wohlwollen, das mir hier seit so vielen Jahren entgegengebracht wird.
Immer vorwärts

Always on the run!

Als Chronistin meiner selbst agierend halte ich hiermit mein Abschiedsmail an alle Mitarbeitenden der Schule fest:

    Subject: Always on the run! But with enough time for fun!

Morgen ist mein letzter Arbeitstag. So schön, konnte ich viele von euch noch persönlich verabschieden!
Ich war 22 Jahre für die WKS KV Bildung tätig, 16 Jahre davon als Lehrperson und 13 Jahre in der Leitung der Grundbildung. In einer solchen Zeitspanne verändert sich fast alles, das ist gut so. Ich hatte stets Ziele für die Schule, für meine Abteilungen und natürlich auch eigene. Gewisse habe ich erreicht, andere nicht. Sicher ist, dass ich jeden Tag dazulernen konnte, und das liegt an euch! Ich bin von Herzen dankbar für unsere gemeinsame Arbeit, für jede Frage, jede Rückmeldung, für Harmonie und Konflikte gleichermassen. Seit jeher suche ich nach Tätigkeiten, bei denen ich mich einbringen und (hoffentlich) zu einem besseren Menschen entwickeln kann. Hier habe ich sie in ihrer ganzen Vielfalt gefunden.
Nicht nur für mich wollte ich sinnvolle Aufgaben, sondern für alle. Von der Reinigungsequipe bis zur Lernenden in der hintersten Reihe.
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Farewell auf Distanz

Heute haben wir die Fachleute Kundendialog verabschiedet. Das war für mich ein ganz besonderer Jahrgang. Erst im Mai 2017 habe ich noch neue Klassen eröffnet und im Juni 2017 noch neue Lehrpersonen angestellt, um Anfang August starten zu können. So viele Anmeldungen gab es und ausser unserer noch keine andere Schule im Land, die diesen Beruf (in Deutsch) ausbildete. Die 64 junge Menschen, die wir nun ziehen lassen, haben ihre Prüfung von zu Hause aus abgelegt und werden bis Anfang Juli auf die Resultate warten müssen. Denn die Prüfungen, die nicht in dieser Art und Weise gemacht werden konnten, werden aus den vor Corona erarbeiteten Leistungen umgerechnet, das braucht auch noch etwas Zeit. Neben komplexen neuen Richtlinien 2020 wurden vom Bundestrat, den Kantonen und den Organisationen der Arbeitswelt wichtige Generalklauseln festgehalten: Den Kandidatinnen und Kandidaten darf durch die Pandemie kein Nachteil entstehen. Alles, was nicht geregelt werden kann, wird zu Gunsten der Kandidatinnen und Kandidaten geregelt. Unsere Berufsbildung ist so integrativ, dass es völlig illusorisch wäre, bei einer derart grossen Änderung in so kurzer Zeit jeden erdenklichen Fall zu regeln. Aber heute ging es nicht um Noten. Heute wollten wir einfach zeigen, wie wichtig dieser Abschied ist. Abgesagte Diplomfeier hin, Distanzregeln her. Die Reaktion waren rührend.

Corona News VI

In diesem Update geht es mir um die Veränderungen, die die Lockerungen im Schulumfeld mit sich bringen.
In meinem Kollegium ändern die schrittweisen Lockerungen wenig, das Distanzlernen geht an der Berufsfachschule weiter. Die Eltern unter den Lehrpersonen sind froh, sind ihre Kinder wieder in der Schule. Die Lernenden aus dem Buchhandel haben wieder mit der Arbeit in den Läden begonnen und erzählen ihren Fachlehrpersonen von neuen Herausforderungen wie Abstandregeln, welche sie durchsetzen möchten (was bei unwilliger Kundschaft schwierig ist). Die Azubis in den Callcentern sind weniger mit dem Unterricht und mehr mit ihrer praktischen Prüfung beschäftigt, in der sie ab morgen je vier Stunden telefonische Beratungen aus dem Home Office machen werden. Manche Lehrpersonen fürchten sich davor, bis zu den Sommerferien auf Distanz zu unterrichten, anderen kommt es gelegen. Die definitve Entscheidung, ob und wie weit die Berufsfachschulen wieder öffenen, wird nächste Woche erwartet.
In der Volksschule ging die Wiedereröffnung vor zwei Wochen mit relativ blanken Nerven und viel Unsicherheit vonstatten. Eine Freundin, die Lehrerin in der Unterstufe in einem sog. sozialen Brennpunkt ist, schrieb mir am Vorabend:

Denn es ist ein Ding der Unmöglichkeit, mit den Kindern nun noch alles durchzugehen, was ich ihnen in stundenlanger Arbeit auf dem jeweils geeigneten Kanal an Rückmeldungen gegeben habe. Sie die „Kommentärli“ durchlesen zu lassen und ihnen beim Verständnis zu helfen, würde einfach zu viel Zeit fressen, wir müssen jetzt vorwärts gehen. Doch, eine halbe Lektion fällt mir ein, werde ich investieren, damit sie zu zweit den Ordner angucken und einander die liebsten, schönsten und die für sie weniger interessanten Blätter zeigen. Yes, es muss eine zeitlich begrenzte Würdigung dieser Arbeiten und Blätter und Kommentärli geben, unbedingt! Und drei Kleber pro Kriterium sollen verklebt werden… Das gibt eine sinnvolle Randhalblektion. Und bestimmt habe ich danach ein Bild davon, wie wer gearbeitet hat, wie wer unterstützt werden konnte, ob stimmt, was ich mir notiert habe, für unser IF-Heilpädagogin. Morgen müssen wir alle Schüler*innen wieder ins Boot holen und irgendwie mit den einen aufholen, mit den anderen weiterfahren…

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