Farewell auf Distanz

Heute haben wir die Fachleute Kundendialog verabschiedet. Das war für mich ein ganz besonderer Jahrgang. Erst im Mai 2017 habe ich noch neue Klassen eröffnet und im Juni 2017 noch neue Lehrpersonen angestellt, um Anfang August starten zu können. So viele Anmeldungen gab es und ausser unserer noch keine andere Schule im Land, die diesen Beruf (in Deutsch) ausbildete. Die 64 junge Menschen, die wir nun ziehen lassen, haben ihre Prüfung von zu Hause aus abgelegt und werden bis Anfang Juli auf die Resultate warten müssen. Denn die Prüfungen, die nicht in dieser Art und Weise gemacht werden konnten, werden aus den vor Corona erarbeiteten Leistungen umgerechnet, das braucht auch noch etwas Zeit. Neben komplexen neuen Richtlinien 2020 wurden vom Bundestrat, den Kantonen und den Organisationen der Arbeitswelt wichtige Generalklauseln festgehalten: Den Kandidatinnen und Kandidaten darf durch die Pandemie kein Nachteil entstehen. Alles, was nicht geregelt werden kann, wird zu Gunsten der Kandidatinnen und Kandidaten geregelt. Unsere Berufsbildung ist so integrativ, dass es völlig illusorisch wäre, bei einer derart grossen Änderung in so kurzer Zeit jeden erdenklichen Fall zu regeln. Aber heute ging es nicht um Noten. Heute wollten wir einfach zeigen, wie wichtig dieser Abschied ist. Abgesagte Diplomfeier hin, Distanzregeln her. Die Reaktion waren rührend.

Corona News VI

In diesem Update geht es mir um die Veränderungen, die die Lockerungen im Schulumfeld mit sich bringen.
In meinem Kollegium ändern die schrittweisen Lockerungen wenig, das Distanzlernen geht an der Berufsfachschule weiter. Die Eltern unter den Lehrpersonen sind froh, sind ihre Kinder wieder in der Schule. Die Lernenden aus dem Buchhandel haben wieder mit der Arbeit in den Läden begonnen und erzählen ihren Fachlehrpersonen von neuen Herausforderungen wie Abstandregeln, welche sie durchsetzen möchten (was bei unwilliger Kundschaft schwierig ist). Die Azubis in den Callcentern sind weniger mit dem Unterricht und mehr mit ihrer praktischen Prüfung beschäftigt, in der sie ab morgen je vier Stunden telefonische Beratungen aus dem Home Office machen werden. Manche Lehrpersonen fürchten sich davor, bis zu den Sommerferien auf Distanz zu unterrichten, anderen kommt es gelegen. Die definitve Entscheidung, ob und wie weit die Berufsfachschulen wieder öffenen, wird nächste Woche erwartet.
In der Volksschule ging die Wiedereröffnung vor zwei Wochen mit relativ blanken Nerven und viel Unsicherheit vonstatten. Eine Freundin, die Lehrerin in der Unterstufe in einem sog. sozialen Brennpunkt ist, schrieb mir am Vorabend:

Denn es ist ein Ding der Unmöglichkeit, mit den Kindern nun noch alles durchzugehen, was ich ihnen in stundenlanger Arbeit auf dem jeweils geeigneten Kanal an Rückmeldungen gegeben habe. Sie die „Kommentärli“ durchlesen zu lassen und ihnen beim Verständnis zu helfen, würde einfach zu viel Zeit fressen, wir müssen jetzt vorwärts gehen. Doch, eine halbe Lektion fällt mir ein, werde ich investieren, damit sie zu zweit den Ordner angucken und einander die liebsten, schönsten und die für sie weniger interessanten Blätter zeigen. Yes, es muss eine zeitlich begrenzte Würdigung dieser Arbeiten und Blätter und Kommentärli geben, unbedingt! Und drei Kleber pro Kriterium sollen verklebt werden… Das gibt eine sinnvolle Randhalblektion. Und bestimmt habe ich danach ein Bild davon, wie wer gearbeitet hat, wie wer unterstützt werden konnte, ob stimmt, was ich mir notiert habe, für unser IF-Heilpädagogin. Morgen müssen wir alle Schüler*innen wieder ins Boot holen und irgendwie mit den einen aufholen, mit den anderen weiterfahren…

„Corona News VI“ weiterlesen

Corona News V

„Ich sitze im Büro und höre Simon & Garfunkel – tja, Corona macht komische Dinge mit einem.“ So beginnt mein neuer Newsletter ans Kollegium. Ich habe Musik im Ohr, die ich seit Jahrzehnten nicht mehr gehört und niemals vermisst habe. Gestern sagte ich mir aus dem Stegreif ein Goethe-Gedicht aus der Oberstufe auf, an welches ich nie zuvor gedacht hatte. Entweder ist das eine Quarantänedemenz oder eine Flucht aus der Welt voller Calls, die alle wichtig sind und meine Kapazitäten doch überfordern.
Mit der Fachhochschule nutze ich webex, mit der Partei und der Familie meistens ZOOM, ebenso in Arbeitsgruppen zu den Lehrabschlüssen, die 2020 ganz anders stattfinden. Die Online-Prüfungen selber machen wir jedoch ausschliesslich über Teams, darüber führe ich auch die Lehrpersonen und werde selbst so geführt. Gespräche mit Lernenden mache ich ebenda. Dabei muss ich extrem aufpassen, keine Channels zu verwechseln, die Vielfalt von Banalitäten bis Sensibilitäten ist einfach zu gross. Im Genossenschaftsrat, den ich präsidiere, sind wir mit allem unterwegs, Eigenkreationenen, Google hangout, ZOOM, Teams und Jitsi sowie alle Social Media, die mir je begegnet sind.
Als mein langjähriger Yogalehrer mir einen Link fürs morgendliche Hatha sandte, brauchte ich eine ganze Woche, um die paar englischen Worte zu finden, um mich zu bedanken und für die freundlichst dargebotenen Online-Stunden bis auf weiteres zu entschuldigen. Ja, es geht vielen so. Ausser denen, bei denen nichts mehr geht. Menschen ohne Arbeit und umso mehr Ansprechpersonen mit wenig Zeit, mit chronischen Krankeiten, mit Kindern, die schon vor Corona Timeouts und Troubles hatten, solche, die schon vor dem Lockdown nicht klarkamen mit all den Formularen und jetzt mit den ins Internet verlegten Ämtern vollkommen am Anschlag sind – von ihnen höre ich auch vieles und habe ein schlechtes Gewissen, weil ich so kurz angebunden antworte.
Was mir hilft: Jeden Tag mehrmals das Hamsterrad anzuhalten, um die Prioritäten auf Sinn und Richtigkeit zu überprüfen. Jeden Tag mehrmals daran zu denken, dass alle, die mir begegnen, ihren eigenen Kampf kämpfen, von dem ich nicht die geringste Ahnung habe.

Corona News IV

Corona s-w Corona farbig
Meine Schwester hat mir ein schwarz-weisses und ein farbiges Logo für die „Corona-News“ für mein Kollegium gezeichnet, wunderbar! Und ich habe in der schulfreien Zeit einen neuen Kodex erdacht: den Verhaltenskodex fürs Distanzlernen. Ich habe mich dabei von konkreten Vorkommnissen, die in der ersten Distanz-Phase zu Problemen geführt haben, leiten lassen. Auf alle diese Situationen sollte der Kodex eine Antwort haben oder präventiv positiv wirken. Manche machen Sudoku, andere spielen Schach. Ich knoble interkulturell und über jede hierarchische Stufe anwendbare Kodizes aus. Unseren allgemeinen Verhaltenskodex haben ein Kollege und ich vor dreizehn Jahren zusammen gemacht. Wir hatten vom neuen Chef den Auftrag erhalten, unsere 21 Hausregeln sprachlich zu überarbeiten.
Weil bald die Abschlussprüfungen beginnen würden, stehen dieser Tage eine Vielzahl von juristisch formulierten, wieder heruntergebrochenen und umformulierten Regeln zur Umsetzung an, die Lehrpersonen haben sicher nicht auf weitere gewartet. Deshalb verordne ich nichts. Ich orientere mich einfach persönlich und selbstkritisch daran. Und ich werde bei schwierigem Verhalten (egal von wem) darauf zu sprechen kommen. Ich hoffe, es wird nicht nötig sein.
Neben sehr müde bin ich auch sehr zuversichtlich für dieses noch nie dagewesene Quartal in neuer Lern-Dimension.

Corona News III

Die Kommunikation an Schulen in der Krise beschäftigt alle Schulleitungen, praegnanz hat eine interessante Zusammenstellung von Schulwebsites zur Coronazeit gemacht. Wir sind keine vollständig finanzierte Bildungsinstitution und haben angesichts der Marksituation sofort alles auf online umgestellt, gerade auch Beratungsgespräche. Entsprechend sind die Auskünfte zu Corona auf der Website kurz. Ich finde die Navigation noch nicht gut und sähe vieles gerne etwas anders formluiert; eine Ressourcefrage, wie so oft.
Die ganz wichtigen Informationen, bei denen es auf Details ankommt, bearbeiten wir in der Leitung kollaborativ neu auf Sharepoint (weil das am besten in unsere Systemlandschaft passt). Ich habe dabei die Schlussredaktion und bin inzwischen wirklich die, die abschliessend redigiert ohne übersteuert zu werden. Zudem habe ich einen Stellvertreter, was unsere Abläufe gut abstützt. Die Informationen geht über E-Mail raus, sieht aber wie ein Newsletter aus. Unsere begnadeten Hintergrundarbeiterinnen haben die passenden Verteiler aufgebaut. Unsere grösste Zeilgruppe sind alle, die vom Distanzlernen ganz direkt betroffen sind. Darauf folgt die Gruppe, die von Abschlussfprüfungen betroffen ist, Teilprüfungen mitten in der Lehre eingeschlossen. Nur schon diese beiden Verteiler zu generieren, erfordert hohe Präzision, von den Untergruppen in einzelnen Berufen gar nicht zu reden. Plötzlich realisieren wir, welche Menge an Informationen wir einfach so innerhalb der Schulhäuser und via Klassenlehrpersonen multipliziert haben und wie wenig davon sich 1:1 in die neue reine Onlinekommunikation überführen lässt.
Besser als erwartet gelingt die Führung online, allerdings habe ich auch sagenhaft präsente Kollegien. Wenn die räumliche Nähe nicht mehr das entscheidene Kriterium ist, nehme ich plötzlich andere Lehrpersonen öfter wahr und die bisher sehr Präsenten anders. Ich empfinde das positiv und hoffe, die Lehrpersonen selber fühlen sich dabei nicht vernachlässigt oder verloren oder glauben mir, dass ich alles anbiete, was irgendwie möglich ist. Letzte Woche haben eine Lehrerin und ich unser Jahresgespräch per MS Teams geführt (89′). Unser beider Eindruck davon war gut. Ich denke jedoch, dass das auch mit der Lehrerin (die als ehem. Schauspielerin kameragewohnt ist) zu tun hatte. Ich erwarte nicht, dass es nun immer so ist, will es aber weiter so handhaben. Ersetzen anstatt verschieben erscheint mir nach wie vor die beste Art, mit der Situation umzugehen.

Corona News II

Wir versuchen an unserer grossen Schule für diese aussergewöhnliche Lage neue Kanäle zu etablieren. Dies, damit wir möglichst allen Anspruchsgruppen gerecht werden können und die Informationen leicht zuzuordnen, kurz und nützlich sind (Bennenungskonvention und jeder Betreff auf der Goldwaage). In den letzten drei Wochen habe ich das hauptverantwotlich für den Bereich Grundbildung aufgebaut. Dabei bin ich zwar drei Jahre gealtert, dafür ist meine Lernkurve steiler als die der der Ansteckungen.
Obwohl die meisten Fragen mit dieser allgemeinen Kommunikation über den ganzen Bereich Grundbildung hinweg beantwortet werden, schreibe ich einmal wöchentlich persönlich an das Kollegium der von mir geleiteten Abteilungen. Dieses besteht aus 31 Lehrpersonen, welche Azubis des Buchhandels und der Kundenservice-Center vom Homeoffice aus auf Distanz unterrichten, davon ca. 80 junge Menschen kurz vor dem Berufsabschluss. Das ist enorm herausfordernd. Ich möchte meine Lehrpersonen unterstützen und in ihrer Arbeit bestätigen ohne sie zu absorbieren. Gerne teile ich je einen Auszug aus den drei Newslettern. Ich bin offen für Austausch, Fragen und Inputs.
„Corona News II“ weiterlesen

Corona-News I

Mich beschäftigt das Thema persönlich seit letzten Dezember. Mit einem in einer asiatischen Firma und international tätigen Mann und einem Sohn in der Pflege liegt das nahe.
Es gehört zu den interessantesten Erfahrungen meines Lebens, wie das Virus sich mir genähert hat. In den letzen zwei Wochen ging es schnell und heute befinde ich mich in der noch ungewohnten Lage, dass es mich 24/7 beschäftigt. Deshalb für die Chronik ein kurzer Bericht aus der Leitung einer Berufsfachschule in Bern:
Vor zwei Tagen wurden Präsenzveranstaltungen in Schulen vom Bund verboten. Wir haben an der WKS KV Bildung zwischen Freitag und jetzt auf Distanzlernen umgestellt, das heisst: Über 100 Lehrpersonen haben über 2000 Lektionen vorbereitet, was genau für eine Woche reicht. Für Lehrpersonen ist die Schule vorerst noch zugänglich, bei Besuchen werden die BAG-Regeln zum Schutz eingehalten. Die Arbeitsplätze sind übers Wochenende desinfiziert worden. Wegen eines Verdachtsfalles befindet sich die Bereichsleitung unserer Grundbildung, also auch ich, momentan vollständig im Home-Office (mit Citrix, Office 365 und Lernplattform). Von hier aus leite ich zweieinhalb Abteilungen und beantworte die Fragen der Anspruchsgruppen in folgenden Themenbereichen gem. Vorgaben (und bei Unsicherheit mit Rücksprache bei einem Kollegen):
• Ob etwas stattfinden wird oder nicht, Verschiebunsanträge
• Alles die Branchen (Berufsgruppen) betreffende
• Rechtliches
• Finanzielles
• Persönliches
Natürlich auch Fragen zur Durchführung des Unterrichts auf Distanz, wobei ich hier voll und ganz auf unsere engagierten Fachverantwortlichen zählen kann und im technischen Bereich auf unseren internen Support. Im Moment haben wir noch weniger Krankheitsfälle als bei normalen Grippenwellen und alle Partnerinnen und Parner der Schulleitung zeigen – bei richtigem Abstand – vollen Einsatz.
Weiter bin ich verantwortlich für die Kommunikation innerhalb des Bereiches Grundbildung. Dazu gehört auch Grundlegendes wie die Auswahl der Kanäle und die Bestimmung ihrer Reihenfolge, falls einer zusammenbrechen würde. Bis jetzt läuft alles gut, ein Knackpunkt, der mich beschäftigt, ist die Rekonstruierbarkeit des Geschriebenen bei all den Medienbrüchen. Solange unser Schwerpunkt im logistischen Bereich liegt, ist die Lage überschaubar. Wenn es emotionaler wird, wird’s nochmal sehr anders. Sollten Menschen aus unserer Schule ernsthaft erkranken oder Prüfungen, die für die Berufsabschlüsse relevant sind, verschoben werden müssen, wird das zu neuen Herausforderungen führen. Darüber denke ich im Moment viel nach, wissend, dass ich unvorbereitet bleiben werde.
Persönlich schätze ich – Verblendung nicht ausgeschlossen – dass wir beste Voraussetzungen haben, diese Krise gut zu bewältigen. Wir sind ja hierzulande als zu kontrolliert verschrien, zu wenig emotional, eher unlustig und zu lange zu viel Abstand haltend. Ich weiss, dass viele unsere Zivilgesellschaft als noch zu sorglos empfinden, aber im Bereich Ansteckung verlangsamen und Versorgungslage verbessern kommt uns unsere Rot-Kreuz-DNA ziemlich entgegen.

Jugend auf dem Weg

Weil ich selbst nicht mehr unterrichte, habe ich beim Semesterwechsel etwas Zeit in Notizbüchern zu blättern oder durch Unterlagen zu scrollen. Jedes Mal bin ich tief beeindruckt von dem, was Jugendliche heute leisten. Gleichzeitig frage ich mich, ob wir sie daheim, in der Schule, in der Gesellschaft auf das Richtige vorbereiten? Ob ihnen all unsere Sicherheit, Strukturiertheit, aufrecht erhaltene, eigene Jugendlichkeit überhaupt hilfreich ist? Ich fürchte manchmal, dass gerade meine Generation zu viel in der Hand behalten will (Internet), dass Ältere den Jüngeren generell zu wenig Verantwortung übergeben und Freiheit lassen.
Doch ist es in meinem Fall besonders müssig darüber zu lamentieren, ich habe schliesslich häufiger als die meisten Gelegenheit, es zu ändern. Ich erlebe oft, dass junge Menschen sich völlig anders entscheiden, als ihnen geraten wurde. Zum Beispiel die junge Frau, die nach dem Suizid ihres geliebten Vaters nur ein paar Tage auf der Arbeit fehlte mit dem oberflächlichen Grund „Todesfall in der Familie“, ganz ohne weitere Information an niemanden. Oder der junge Mann, der seinen Zufluchtsort nach Verheilen des Backenknochenbruchs (von einem geworfenen Kristallaschenbecher) wieder verliess und nach Hause zum Täter zurückkehrte. Oder die vielen Azubis, deren Antrieb Studienfächer sind, die jeder sogenannt vernünftige Mensch als für sie unerreichbar klassifizieren würde.
Nach zwanzige Jahren in der Berufsfachschule und so verschiedenen Generationen junger Menschen, hat sich meine persönliche Linie im Umgang mit ihnen auf wenige Punkte reduziert:

  • Unterstützung auf dem individuellen Weg im Bewusstsein, dass es ihrer sein muss und NIE meiner.
  • Besondere und ungefragte Ermutigung in allem, was ich richtig und wichtig finde.
  • Fehlertoleranz gegenüber allen und mir selbst. Mehr Lob als Kritik.
  • Vorschläge sind Vorschläge und keine Beleidigung von keiner Seite. Sie dürfen abgelehnt werden.
  • Tägliche Reflexion: War ich den jungen Menschen gegenüber offen? Oder eher ihren Anspruchsgruppen?
  • Mit hilft es zudem zu wissen, dass ich nichts weiss. Ich muss mich verlassen auf das und befassen mit dem, was mir gesagt, gezeigt und gespiegelt wird. Wenn ich dank Empathie und einer guten Beziehung etwas in Erfahrung bringen kann, dann sind es Bedürfnisse. Gelingt mir dies, erleichtert es die Zusammenarbeit sogar dann, wenn kein einziges Wort dazu fällt.

    Reflexion 2019: Ehrenamtliches

    Der ehrenamtliche Einsatz in der Schweiz ist enorm. Die Carearbeit, die Aktivitäten in Sport, in Quartieren und Gemeinden wie auch in der Berufsbildung und Politik wären ohne sie undenkbar. Ohne Freiwilligenarbeit wäre das hier ein anderes Land und keines mit direkter Domokratie. Entsprechend sehe ich mich als Rädchen im Getriebe.
    Dieses Jahr investierte ich meine Freizeit hauptsächlich in die Republik, die sich gut entwickelt und entgegen Berfürchtungen gerade ihren zweiten Geburtstag erlebt. Die Republik ist zur Hälfte ein Produkt der Genossenschaft Project R, die ihrerseits einen Genossenschaftsrat hat, zu dessen Präsidentin ich vor rund einem Jahr gewählt worden bin. Ich konnte das, was ich bei meiner Bewerbung und in meinem Online-Wahlkampf ums Präsidium darlegte, 2019 umsetzten. Der Genossenschaftsrat ist für mich ein besonderer Glücksfall, seine 27 Mitglieder kommunizieren so überlegt, sorgfältig und zielgerichtet, wie ich es von vergleichbaren Gremien nicht kannte. Ich lerne von jeder Gruppe und in jedem Team sehr viel – und doch merke ich, dass ein Austausch, wie ich ihn hier erlebe, Missverstänisse früher ans Licht bringt und Rückschläge erträglicher macht. Die Mühe, den Genossenschaftsrat so divers wie irgend möglich zusammenzusetzen, hat sich gelohnt.
    Konkret haben wir fünf Arbeitsgruppen im Einsatz: Zukunftsprojekte, Kritik-Forum, Kommunikaiton, Marketing sowie Finance und Legal, Interessierte finden die Details in Berichten aus unseren Sitzungen. Als Aufgabe des ersten Präsidialjahres nahm ich mir die Dokumentation unserer Arbeit, die Online-Kommunikation innerhalb des Rates und den effizeinten Umgang mit To-do-Listen vor. Die Koordinationstools, die wir wählten, funktionieren nach einer Einführung mit genügend Zeit und Support für alle, das war 2019 das Wichtigste. Mich animierte dieses Amt zu vielem wie beispielsweise, mich in die Materie konsolidierte Jahresrechnung und Pflichten einer Revisionsstelle einzuarbteiten. Oder zur Lektüre von Artikeln, deren Themen mir fremd waren, die mich dann wiederum inspirierten, weitere Bücher zu lesen oder an Diskussionen teilzunehmen.
    Danke denen, die sich sich für die Erneuerung, ein Monataabonnement oder für eine Mitgliedschaft entschlossen haben! Ein leserfinanziertes Medium ist und bleibt eine Waghalsigkeit. Und danke all jenen, die sich bei mir persönlich mit Feedbacks gemeldet und sich an den Debatten beteiligt haben. Mir ist neben der Republik kein Medium bekannt, das Onlinediskussionen auslöst und beheimatet, deren Qulaität (Inhalt wie Tonalität) derart haltbar ist. Dazu beizutragen und davon Teil zu sein macht mich stolz.
    Und nun ein frohes neues Jahr! Mit einem Hoch auf alle Arbeit, die mit anderem als Geld vergolten wird. Vielleicht gar mit einer besseren Welt?

    Genossenschaftsrat September 2019

    Gruppenbild vor der Genossenschaftsratssitzung im September 2019

    Reflexion 2019: Berufliches

    Beruflich war 2019 hochinteressant, in meinem Tagebuch findet sich eine lange Liste besonderer Erlebnisse und aussergewöhnlicher Tätigkeiten. Die Berufsentwicklung forderte mich vor allem bei den Fachleuten Kundendialog sehr, aber auch die Grundbildung im Buchhandel stand nicht still. 2020 beginnen wir Buchmenschen schon mit der zweiten offiziellen Überprüfung der Leistungsziele der sog. Bildungsverordnung von 2009, bei den Fachleuten Kundendialog sind wir daran, die Erkenntnisse der ersten nationalen Überprüfung umzusetzen. Ein wichtiger Teil meine Arbeit, aber was kann man sich darunter vorstellen? Zum Beispiel gibt es eine mündliche Abschlussprüfung in berufskundlichen, theoretischen Themen. Bei den Fachleuten Kundendialog könnten das Empathie, Teambuilding, Fragearten sein, bei den Buchhändlerinnen betriebliche Prozesse wie Wareneinkauf oder die Einführung eines neuen Warenwirtschaftssystems. Bis jetzt finden solche Prüfungen in der sog. ersten Landessprache statt, das heisst, in der Deutschschweiz in Deutsch, in der Romandie in Französisch, im Tessin in Italienisch. In einer Überprüfung wird dann beispielsweise zwischen Lehrbetrieben, Schulen und Verbänden diskutiert, so eine Prüfung teilweise in einer zweiten Landessprache zu machen. Die Folge für die Berufsfachschule wäre, dass Sprach- und Berufskundelehrperson gemeinsam unterrichten oder sich so stark in die andere Kompetenz einarbeiten, dass sie diese allein unterrichten können. Dies einfach als Beispiel von einer Veränderung, die einen enormen Einfluss auf die Arbeit eines Kollegiums haben kann. Und solche Neuerungen rechtzeitig und unter Einbezug der Beteiligten zu planen und in sinnstiftender Art auf allen Ebenen zu vermitteln, gehört zu meinen Aufgaben.
    Es kommt mir vor, als hätte ich 2019 fast nur geschrieben, neben dem Pegasus und Protokollen und Berichten aller Art, auch viele kleine Texte, Einführungen, Weisungen, Titel für Kacheln auf unserer neuen Website; und endlos redigiert. Ich schreibe gern, weil es meinem inneren Chaos zur Ordnung verhilft. Aber es ist eben schon viel aufwändiger, als die meisten denken. Nur schon die Erkenntnis, dass „kurz“ mehr Zeit braucht, ist (trotz Blaise Pascals wunderbarer Erklärung, er habe keine Zeit für kurze Briefe) wenig verbreitet. So kriegte ich oft Sachen zum Formulieren auf den Tisch, „die ja nicht lang sein müssen“ und rackerte mich ewig ab damit.
    Mein Jahr war geprägt von Stellvertretungen. Im Frühjahr im Bereich Marketing und Website, im Sommer vertrat ich die Fachverantwortliche und ab Schulanfang bis im Dezember verschiedenste Lehrpersonen. Ich bin froh, ist alles mehr oder weniger gut gekommen, und doch fühlte ich mich dabei nie agil, obwohl ich mir natürlich grosse Mühe gab, so zu wirken. Ich war einfach nur müde, ich hatte manchmal wochenlang keinen freien Tag.
    2019 wurde ich nicht nur 50, sondern feierte auch mein 20. Jubiläum in der Schule. Zu diesem Anlass habe ich Anfang Dezember zum Apéro riche eingeladen und es kamen viele aus verschiedene Abteilungen der WKS KV Bildung: aus Finanzen über Reinigung, Direktion und HR bis zum Kollegium, was mich enorm freute! Auf meine kleine Rede wurde ich lustigerweise immer mal wieder von Leuten angesprochen, die selbst nicht dabei waren – ich nehme es als gutes Zeichen. Mein Highlight war die Deutschlehrerin, die an dem Abend für mich ihr HipHop-Shirt gesetzt hatte. Es hat sich offenbar herumgesprochen, dass ich michbisweilen gern anders kleiden würde, als es mein Job das zulässt.
    Wie viel es noch zu sagen gäbe! Aber ich lasse es nun dabei bewenden und schaue, was bei der Reflexion über das Ehrenamtliche herauskommt.

    20 Jahre WKS

    Lieblingsbild vom 20-Jahre-Jubiläum: Frau Hiphop in der Mitte.