Reflexion 2019: Ehrenamtliches

31. December 2019

Der ehrenamtliche Einsatz in der Schweiz ist enorm. Die Carearbeit, die Aktivitäten in Sport, in Quartieren und Gemeinden wie auch in der Berufsbildung und Politik wären ohne sie undenkbar. Ohne Freiwilligenarbeit wäre das hier ein anderes Land und keines mit direkter Domokratie. Entsprechend sehe ich mich als Rädchen im Getriebe.

Dieses Jahr investierte ich meine Freizeit hauptsächlich in die Republik, die sich gut entwickelt und entgegen Berfürchtungen gerade ihren zweiten Geburtstag erlebt. Die Republik ist zur Hälfte ein Produkt der Genossenschaft Project R, die ihrerseits einen Genossenschaftsrat hat, zu dessen Präsidentin ich vor rund einem Jahr gewählt worden bin. Ich konnte das, was ich bei meiner Bewerbung und in meinem Online-Wahlkampf ums Präsidium darlegte, 2019 umsetzten. Der Genossenschaftsrat ist für mich ein besonderer Glücksfall, seine 27 Mitglieder kommunizieren so überlegt, sorgfältig und zielgerichtet, wie ich es von vergleichbaren Gremien nicht kannte. Ich lerne von jeder Gruppe und in jedem Team sehr viel - und doch merke ich, dass ein Austausch, wie ich ihn hier erlebe, Missverstänisse früher ans Licht bringt und Rückschläge erträglicher macht. Die Mühe, den Genossenschaftsrat so divers wie irgend möglich zusammenzusetzen, hat sich gelohnt.

Konkret haben wir fünf Arbeitsgruppen im Einsatz: Zukunftsprojekte, Kritik-Forum, Kommunikaiton, Marketing sowie Finance und Legal, Interessierte finden die Details in Berichten aus unseren Sitzungen. Als Aufgabe des ersten Präsidialjahres nahm ich mir die Dokumentation unserer Arbeit, die Online-Kommunikation innerhalb des Rates und den effizeinten Umgang mit To-do-Listen vor. Die Koordinationstools, die wir wählten, funktionieren nach einer Einführung mit genügend Zeit und Support für alle, das war 2019 das Wichtigste. Mich animierte dieses Amt zu vielem wie beispielsweise, mich in die Materie konsolidierte Jahresrechnung und Pflichten einer Revisionsstelle einzuarbteiten. Oder zur Lektüre von Artikeln, deren Themen mir fremd waren, die mich dann wiederum inspirierten, weitere Bücher zu lesen oder an Diskussionen teilzunehmen.

Danke denen, die sich sich für die Erneuerung, ein Monataabonnement oder für eine Mitgliedschaft entschlossen haben! Ein leserfinanziertes Medium ist und bleibt eine Waghalsigkeit. Und danke all jenen, die sich bei mir persönlich mit Feedbacks gemeldet und sich an den Debatten beteiligt haben. Mir ist neben der Republik kein Medium bekannt, das Onlinediskussionen auslöst und beheimatet, deren Qulaität (Inhalt wie Tonalität) derart haltbar ist. Dazu beizutragen und davon Teil zu sein macht mich stolz.

Und nun ein frohes neues Jahr! Mit einem Hoch auf alle Arbeit, die mit anderem als Geld vergolten wird. Vielleicht gar mit einer besseren Welt?

Genossenschaftsrat September 2019

Gruppenbild vor der Genossenschaftsratssitzung im September 2019

Reflexion 2019: Berufliches

30. December 2019

Beruflich war 2019 hochinteressant, in meinem Tagebuch findet sich eine lange Liste besonderer Erlebnisse und aussergewöhnlicher Tätigkeiten. Die Berufsentwicklung forderte mich vor allem bei den Fachleuten Kundendialog sehr, aber auch die Grundbildung im Buchhandel stand nicht still. 2020 beginnen wir Buchmenschen schon mit der zweiten offiziellen Überprüfung der Leistungsziele der sog. Bildungsverordnung von 2009, bei den Fachleuten Kundendialog sind wir daran, die Erkenntnisse der ersten nationalen Überprüfung umzusetzen. Ein wichtiger Teil meine Arbeit, aber was kann man sich darunter vorstellen? Zum Beispiel gibt es eine mündliche Abschlussprüfung in berufskundlichen, theoretischen Themen. Bei den Fachleuten Kundendialog könnten das Empathie, Teambuilding, Fragearten sein, bei den Buchhändlerinnen betriebliche Prozesse wie Wareneinkauf oder die Einführung eines neuen Warenwirtschaftssystems. Bis jetzt finden solche Prüfungen in der sog. ersten Landessprache statt, das heisst, in der Deutschschweiz in Deutsch, in der Romandie in Französisch, im Tessin in Italienisch. In einer Überprüfung wird dann beispielsweise zwischen Lehrbetrieben, Schulen und Verbänden diskutiert, so eine Prüfung teilweise in einer zweiten Landessprache zu machen. Die Folge für die Berufsfachschule wäre, dass Sprach- und Berufskundelehrperson gemeinsam unterrichten oder sich so stark in die andere Kompetenz einarbeiten, dass sie diese allein unterrichten können. Dies einfach als Beispiel von einer Veränderung, die einen enormen Einfluss auf die Arbeit eines Kollegiums haben kann. Und solche Neuerungen rechtzeitig und unter Einbezug der Beteiligten zu planen und in sinnstiftender Art auf allen Ebenen zu vermitteln, gehört zu meinen Aufgaben.

Es kommt mir vor, als hätte ich 2019 fast nur geschrieben, neben dem Pegasus und Protokollen und Berichten aller Art, auch viele kleine Texte, Einführungen, Weisungen, Titel für Kacheln auf unserer neuen Website; und endlos redigiert. Ich schreibe gern, weil es meinem inneren Chaos zur Ordnung verhilft. Aber es ist eben schon viel aufwändiger, als die meisten denken. Nur schon die Erkenntnis, dass “kurz” mehr Zeit braucht, ist (trotz Blaise Pascals wunderbarer Erklärung, er habe keine Zeit für kurze Briefe) wenig verbreitet. So kriegte ich oft Sachen zum Formulieren auf den Tisch, “die ja nicht lang sein müssen” und rackerte mich ewig ab damit.

Mein Jahr war geprägt von Stellvertretungen. Im Frühjahr im Bereich Marketing und Website, im Sommer vertrat ich die Fachverantwortliche und ab Schulanfang bis im Dezember verschiedenste Lehrpersonen. Ich bin froh, ist alles mehr oder weniger gut gekommen, und doch fühlte ich mich dabei nie agil, obwohl ich mir natürlich grosse Mühe gab, so zu wirken. Ich war einfach nur müde, ich hatte manchmal wochenlang keinen freien Tag.

2019 wurde ich nicht nur 50, sondern feierte auch mein 20. Jubiläum in der Schule. Zu diesem Anlass habe ich Anfang Dezember zum Apéro riche eingeladen und es kamen viele aus verschiedene Abteilungen der WKS KV Bildung: aus Finanzen über Reinigung, Direktion und HR bis zum Kollegium, was mich enorm freute! Auf meine kleine Rede wurde ich lustigerweise immer mal wieder von Leuten angesprochen, die selbst nicht dabei waren - ich nehme es als gutes Zeichen. Mein Highlight war die Deutschlehrerin, die an dem Abend für mich ihr HipHop-Shirt gesetzt hatte. Es hat sich offenbar herumgesprochen, dass ich michbisweilen gern anders kleiden würde, als es mein Job das zulässt.

Wie viel es noch zu sagen gäbe! Aber ich lasse es nun dabei bewenden und schaue, was bei der Reflexion über das Ehrenamtliche herauskommt.

20 Jahre WKS

Lieblingsbild vom 20-Jahre-Jubiläum: Frau Hiphop in der Mitte.

Reflexion 2019: Privates

29. December 2019

Eine feinsäuberliche Trennung zwischen privat, beruflich und ehrenamtlich ist in meinem Leben nicht möglich, auch wenn ich natürlich zwischen persönlich und professionell unterscheide.

Mich hat dieses Jahr viel Berufliches auch privat beschäftigt, auch das aus anderer Leute Berufe. Besonders meine Schwester und mein Sohn waren unerwartet oft mit Extremsituationen konfrontiert, haben dabei Enormes geleistet und viel Resilienz bewiesen. Meine Schwester steht als Heilpädagogin und Care Giverin in Notfallsituationen unter Schweigepflicht, genau wie mein in der Psychiatrie tätiger Sohn. Deshalb kenne ich weder Details noch könnte ich mich äussern. Ihre Arbeit führte mir 2019 viele gesellschaftliche Zusammenhänge vor Augen und half mir, auch in meiner die richtigen Fragen zu stellen und Entscheidungen zu treffen.

Dieses Jahr belasteten mich Krankheiten, Schicksalsschläge und Todesfälle. Teilweise doppelt, weil Privates und Berufliches sich überschnitt. Das forderte Demut und Disziplin und ganz profan: Stellvertretungen. Ich empfinde mich als dankbaren Menschen, ich sehe das Gute, das Schöne und stets die Erleichterungen, die das Leben in diesem wohlhabenden, demokratischen Land mir bringt. Und doch erschien mir 2019 gar vieles ungerecht, grundlos und steinig.

Ein wunderbares Fest zum 50. Geburtstag vom Mann und mir im September hat gute Erinnerungen in Hülle und Fülle hinterlassen. Dass im Freundeskreis einige von einem Highlight 2019 sprechen, geht uns schon ans Herz. Ich sprach dort erstmals vor über hundert Leuten, die mir alle nahe stehen. Ein ganz neues Gefühl, so ohne tausend Anspruchsgruppengedanken frei von der Leber weg zu palavern. Die gemeinsame Organisation (die wir ja mangels Hochzeits- und Tauffest zum ersten Mal machten) hat uns als Ehepaar gelehrt, was uns wichtig ist. Uns wurde bewusst, wie viele Weggefährten stets an unserer Seite waren, wie viele Freundinnen uns so lange begleiten. Und wen wir verloren haben. Und wie wir zu unseren Familien stehen und sie zu uns. Dieser Anlass in wunderbarem Ambiente mit zugeneigten Gästen und hinreissenden musikalischen Einlagen machte mein Glück sichtbar: Unverbrüchliche Familienbande, gerade auch in der nächsten Generation. Langfristige Freundschaften, so stärkend wie unterschiedlich.

Es bereicherten unzählige kleine Ereignisse mein Jahr - zum Beispiel dieses: Zu Weihnachten rief mich ein junger Mann an, der mich als Vierjähriger im Sandkasten vor dem Hochhaus zur Freundin auserkoren hatte und mir fortan wann immer möglich folgte. So war er als Kind oft bei uns, und später besuchten wir ihn regelmässig im Schulheim auf dem Land. Trotz aller Krisen gelang es irgendwie, den Kontakt zu behalten, manchmal durch Zufall oder weil ich ihn über Social Media wiederfand. Meist blieben meine Nachrichten ohne Antwort; manchmal wusste ich auch nicht, ob sie überhaupt die richtige Person erreicht hatten. Nun war ich so froh zu hören, dass er jetzt, zu seinem 25. Geburtstag, nach einem schrecklich schweren Leben einen Weg gefunden hat und zuversichtlich ist. Im Januar sollten wir uns sehen, es wäre mir eine Reisenfreude.

Über Berufliches und Ehrenamtliches möchte ich im alten Jahr und an dieser Stelle auch noch nachdenken.

Weihnachtsaussicht 2019

Dezember-Lieblingsbild: Analyse des Himmels am Weihnachtsabend.

Mein erstes Mal im Engadin

11. November 2019

Die Schweiz hat viele Einwohnerinnen und Einwohner, die sie nicht besonders gut kennen. Ich gehöre auch dazu. So begab es sich, dass ich dieser Tage erstmals das Engadin besuchte. Natürlich hatte ich schon mehr als den Wikipediaeintrag darüber gelesen. Viele Menschen aus der Gegend sind mir bekannt, weil sie unsere Landessprachen, unsere Literatur und Politik stark geprägt haben. Und die Erzählungen aus meinem begeisterten Freundeskreis sind immer inspirierend! So ist aus dem Ausflug eine bezaubernde Begegnung geworden.

Wanderweg über Scuol

weiter…

Zum Schuljahresanfang

2. November 2019

Ja, ich weiss, der ist längst vorbei! Ich werde dieses Jahr 50 und habe das zum Anlass genommen, noch in ein paar andere Dinge zu investieren als meinen Beruf: In seltsame Lektüren, in Feste und in Ehrenämter, die mich begeistern, selbst dann, wenn sie alles andere als rund laufen.

Die Schule hat gut begonnen, in der Abteilung Buchhandel mit 19 jungen Menschen sehr familiär. Die Klasse entwickelt sich wunderbar. Sie hat heute ihren ersten Pegasus erhalten, in dem sie natürlich mit einer ersten Vorstellungsrunde vertreten ist. Und ich konnte es nicht lassen, das Loblied aufs Buch:

Ein feiner Nachbar legte mir neulich ein Buch ans Herz: «Das musst du unbedingt lesen! Ich habe dabei die ganze Zeit an unsere Gespräche gedacht …» Das tat ich umgehend und fand nichts davon wieder. Schmälerte dies meine Lektüre? Ganz im Gegenteil! Es war die beste seit langem.

Die Einzigartigkeit geliebter Bücher entsteht nicht dadurch, dass ein Autor seine Empfindungen in Worte giesst, eine Autorin ihre Gedanken sprachlich kleidet. Die Kunst besteht in der Fähigkeit, Wörter und Sätze so zu formulieren, dass sie Gedanken und Empfindungen suggerieren. Individuelle, unvergleichliche.

Der Winter ist die beste Zeit, sich äusseren Reizen zu entziehen und inneren Bildern zu widmen. Bücher helfen uns dabei. Sie dienen dem ureigenen Bedürfnis des Menschen, das Dunkel zu erhellen.

Aufs Ganze.


Deprecated: Function split() is deprecated in /home/blogk/nja/wp-includes/cache.php on line 215