Corona News VI

24. May 2020

In diesem Update geht es mir um die Veränderungen, die die Lockerungen im Schulumfeld mit sich bringen.

In meinem Kollegium ändern die schrittweisen Lockerungen wenig, das Distanzlernen geht an der Berufsfachschule weiter. Die Eltern unter den Lehrpersonen sind froh, sind ihre Kinder wieder in der Schule. Die Lernenden aus dem Buchhandel haben wieder mit der Arbeit in den Läden begonnen und erzählen ihren Fachlehrpersonen von neuen Herausforderungen wie Abstandregeln, welche sie durchsetzen möchten (was bei unwilliger Kundschaft schwierig ist). Die Azubis in den Callcentern sind weniger mit dem Unterricht und mehr mit ihrer praktischen Prüfung beschäftigt, in der sie ab morgen je vier Stunden telefonische Beratungen aus dem Home Office machen werden. Manche Lehrpersonen fürchten sich davor, bis zu den Sommerferien auf Distanz zu unterrichten, anderen kommt es gelegen. Die definitve Entscheidung, ob und wie weit die Berufsfachschulen wieder öffenen, wird nächste Woche erwartet.

In der Volksschule ging die Wiedereröffnung vor zwei Wochen mit relativ blanken Nerven und viel Unsicherheit vonstatten. Eine Freundin, die Lehrerin in der Unterstufe in einem sog. sozialen Brennpunkt ist, schrieb mir am Vorabend:

Denn es ist ein Ding der Unmöglichkeit, mit den Kindern nun noch alles durchzugehen, was ich ihnen in stundenlanger Arbeit auf dem jeweils geeigneten Kanal an Rückmeldungen gegeben habe. Sie die “Kommentärli” durchlesen zu lassen und ihnen beim Verständnis zu helfen, würde einfach zu viel Zeit fressen, wir müssen jetzt vorwärts gehen. Doch, eine halbe Lektion fällt mir ein, werde ich investieren, damit sie zu zweit den Ordner angucken und einander die liebsten, schönsten und die für sie weniger interessanten Blätter zeigen. Yes, es muss eine zeitlich begrenzte Würdigung dieser Arbeiten und Blätter und Kommentärli geben, unbedingt! Und drei Kleber pro Kriterium sollen verklebt werden… Das gibt eine sinnvolle Randhalblektion. Und bestimmt habe ich danach ein Bild davon, wie wer gearbeitet hat, wie wer unterstützt werden konnte, ob stimmt, was ich mir notiert habe, für unser IF-Heilpädagogin. Morgen müssen wir alle Schüler*innen wieder ins Boot holen und irgendwie mit den einen aufholen, mit den anderen weiterfahren…

weiter…

Corona News V

11. May 2020

“Ich sitze im Büro und höre Simon & Garfunkel – tja, Corona macht komische Dinge mit einem.” So beginnt mein neuer Newsletter ans Kollegium. Ich habe Musik im Ohr, die ich seit Jahrzehnten nicht mehr gehört und niemals vermisst habe. Gestern sagte ich mir aus dem Stegreif ein Goethe-Gedicht aus der Oberstufe auf, an welches ich nie zuvor gedacht hatte. Entweder ist das eine Quarantänedemenz oder eine Flucht aus der Welt voller Calls, die alle wichtig sind und meine Kapazitäten doch überfordern.

Mit der Fachhochschule nutze ich webex, mit der Partei und der Familie meistens ZOOM, ebenso in Arbeitsgruppen zu den Lehrabschlüssen, die 2020 ganz anders stattfinden. Die Online-Prüfungen selber machen wir jedoch ausschliesslich über Teams, darüber führe ich auch die Lehrpersonen und werde selbst so geführt. Gespräche mit Lernenden mache ich ebenda. Dabei muss ich extrem aufpassen, keine Channels zu verwechseln, die Vielfalt von Banalitäten bis Sensibilitäten ist einfach zu gross. Im Genossenschaftsrat, den ich präsidiere, sind wir mit allem unterwegs, Eigenkreationenen, Google hangout, ZOOM, Teams und Jitsi sowie alle Social Media, die mir je begegnet sind.

Als mein langjähriger Yogalehrer mir einen Link fürs morgendliche Hatha sandte, brauchte ich eine ganze Woche, um die paar englischen Worte zu finden, um mich zu bedanken und für die freundlichst dargebotenen Online-Stunden bis auf weiteres zu entschuldigen. Ja, es geht vielen so. Ausser denen, bei denen nichts mehr geht. Menschen ohne Arbeit und umso mehr Ansprechpersonen mit wenig Zeit, mit chronischen Krankeiten, mit Kindern, die schon vor Corona Timeouts und Troubles hatten, solche, die schon vor dem Lockdown nicht klarkamen mit all den Formularen und jetzt mit den ins Internet verlegten Ämtern vollkommen am Anschlag sind - von ihnen höre ich auch vieles und habe ein schlechtes Gewissen, weil ich so kurz angebunden antworte.

Was mir hilft: Jeden Tag mehrmals das Hamsterrad anzuhalten, um die Prioritäten auf Sinn und Richtigkeit zu überprüfen. Jeden Tag mehrmals daran zu denken, dass alle, die mir begegnen, ihren eigenen Kampf kämpfen, von dem ich nicht die geringste Ahnung habe.

Corona News IV

19. April 2020

Corona s-w Corona farbig
Meine Schwester hat mir ein schwarz-weisses und ein farbiges Logo für die “Corona-News” für mein Kollegium gezeichnet, wunderbar! Und ich habe in der schulfreien Zeit einen neuen Kodex erdacht: den Verhaltenskodex fürs Distanzlernen. Ich habe mich dabei von konkreten Vorkommnissen, die in der ersten Distanz-Phase zu Problemen geführt haben, leiten lassen. Auf alle diese Situationen sollte der Kodex eine Antwort haben oder präventiv positiv wirken. Manche machen Sudoku, andere spielen Schach. Ich knoble interkulturell und über jede hierarchische Stufe anwendbare Kodizes aus. Unseren allgemeinen Verhaltenskodex haben ein Kollege und ich vor dreizehn Jahren zusammen gemacht. Wir hatten vom neuen Chef den Auftrag erhalten, unsere 21 Hausregeln sprachlich zu überarbeiten.

Weil bald die Abschlussprüfungen beginnen würden, stehen dieser Tage eine Vielzahl von juristisch formulierten, wieder heruntergebrochenen und umformulierten Regeln zur Umsetzung an, die Lehrpersonen haben sicher nicht auf weitere gewartet. Deshalb verordne ich nichts. Ich orientere mich einfach persönlich und selbstkritisch daran. Und ich werde bei schwierigem Verhalten (egal von wem) darauf zu sprechen kommen. Ich hoffe, es wird nicht nötig sein.

Neben sehr müde bin ich auch sehr zuversichtlich für dieses noch nie dagewesene Quartal in neuer Lern-Dimension.

Corona News III

13. April 2020

Die Kommunikation an Schulen in der Krise beschäftigt alle Schulleitungen, praegnanz hat eine interessante Zusammenstellung von Schulwebsites zur Coronazeit gemacht. Wir sind keine vollständig finanzierte Bildungsinstitution und haben angesichts der Marksituation sofort alles auf online umgestellt, gerade auch Beratungsgespräche. Entsprechend sind die Auskünfte zu Corona auf der Website kurz. Ich finde die Navigation noch nicht gut und sähe vieles gerne etwas anders formluiert; eine Ressourcefrage, wie so oft.

Die ganz wichtigen Informationen, bei denen es auf Details ankommt, bearbeiten wir in der Leitung kollaborativ neu auf Sharepoint (weil das am besten in unsere Systemlandschaft passt). Ich habe dabei die Schlussredaktion und bin inzwischen wirklich die, die abschliessend redigiert ohne übersteuert zu werden. Zudem habe ich einen Stellvertreter, was unsere Abläufe gut abstützt. Die Informationen geht über E-Mail raus, sieht aber wie ein Newsletter aus. Unsere begnadeten Hintergrundarbeiterinnen haben die passenden Verteiler aufgebaut. Unsere grösste Zeilgruppe sind alle, die vom Distanzlernen ganz direkt betroffen sind. Darauf folgt die Gruppe, die von Abschlussfprüfungen betroffen ist, Teilprüfungen mitten in der Lehre eingeschlossen. Nur schon diese beiden Verteiler zu generieren, erfordert hohe Präzision, von den Untergruppen in einzelnen Berufen gar nicht zu reden. Plötzlich realisieren wir, welche Menge an Informationen wir einfach so innerhalb der Schulhäuser und via Klassenlehrpersonen multipliziert haben und wie wenig davon sich 1:1 in die neue reine Onlinekommunikation überführen lässt.

Besser als erwartet gelingt die Führung online, allerdings habe ich auch sagenhaft präsente Kollegien. Wenn die räumliche Nähe nicht mehr das entscheidene Kriterium ist, nehme ich plötzlich andere Lehrpersonen öfter wahr und die bisher sehr Präsenten anders. Ich empfinde das positiv und hoffe, die Lehrpersonen selber fühlen sich dabei nicht vernachlässigt oder verloren oder glauben mir, dass ich alles anbiete, was irgendwie möglich ist. Letzte Woche haben eine Lehrerin und ich unser Jahresgespräch per MS Teams geführt (89′). Unser beider Eindruck davon war gut. Ich denke jedoch, dass das auch mit der Lehrerin (die als ehem. Schauspielerin kameragewohnt ist) zu tun hatte. Ich erwarte nicht, dass es nun immer so ist, will es aber weiter so handhaben. Ersetzen anstatt verschieben erscheint mir nach wie vor die beste Art, mit der Situation umzugehen.

Corona News II

5. April 2020

Wir versuchen an unserer grossen Schule für diese aussergewöhnliche Lage neue Kanäle zu etablieren. Dies, damit wir möglichst allen Anspruchsgruppen gerecht werden können und die Informationen leicht zuzuordnen, kurz und nützlich sind (Bennenungskonvention und jeder Betreff auf der Goldwaage). In den letzten drei Wochen habe ich das hauptverantwotlich für den Bereich Grundbildung aufgebaut. Dabei bin ich zwar drei Jahre gealtert, dafür ist meine Lernkurve steiler als die der der Ansteckungen.

Obwohl die meisten Fragen mit dieser allgemeinen Kommunikation über den ganzen Bereich Grundbildung hinweg beantwortet werden, schreibe ich einmal wöchentlich persönlich an das Kollegium der von mir geleiteten Abteilungen. Dieses besteht aus 31 Lehrpersonen, welche Azubis des Buchhandels und der Kundenservice-Center vom Homeoffice aus auf Distanz unterrichten, davon ca. 80 junge Menschen kurz vor dem Berufsabschluss. Das ist enorm herausfordernd. Ich möchte meine Lehrpersonen unterstützen und in ihrer Arbeit bestätigen ohne sie zu absorbieren. Gerne teile ich je einen Auszug aus den drei Newslettern. Ich bin offen für Austausch, Fragen und Inputs.
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